Zivilgesellschaft

Was heißt Zivilgesellschaft ?

  1. Der Begriff Zivilgesellschaft ist als deutsche Übersetzung des englischen civil society seit den 1990er Jahren verbreitet. In beiden Sprachen hat der Begriff gegenüber älteren Bedeutungen einen Wandel erfahren. Zivilgesellschaft ist heute kein Synonym für bürgerliche Gesellschaft (i.S. von Hegel) oder Bürgergesellschaft. Auch fällt nicht jedes bürgerschaftliche Handeln unter den Begriff der Zivilgesellschaft. Diese grenzt sich insoweit vom Individuum und seinem unmittelbaren familiären Umfeld sowie von bürgerschaftlichem Handeln im Staat ab.
  1. Der Begiff civil society wurde in den 1960er Jahren in die sozialwissenschaftliche Debatte eingeführt, um deutlich zu machen, daß die Unterscheidung zwischen ‚Staat‘ und ‚Privat‘ nicht genügt, um tatsächliche gesellschaftliche Prozesse und Erscheinungsformen zu beschreiben, weil dadurch die Unterschiede zwischen gewinnorientierten und nicht gewinnorientierten Unternehmungen unzulässig negiert, dem Staat zu große Bedeutung beigemessen wird und wichtige Erscheinungsformen ausgeblendet werden. An der Entwicklung des Konzepts waren und sind konservative, liberale und marxistische Denker unabhängig voneinander beteiligt.
  1. Das moderne Konzept der Zivilgesellschaft geht von zwei grundlegenden Annahmen aus:
    1. Ausgangspunkt der Gesellschaft ist der Mensch in seiner individuellen Würde.
    2. Kollektives Handeln in der und für die Gesellschaft findet in drei Arenen statt. Als Zivilgesellschaft wird eine dieser Arenen (neben denen des Staates und des Marktes) bezeichnet.
  1. Zur Zivilgesellschaft gehören organisierte Bewegungen, Organisationen und Einrichtungen sowie unorganisierte oder spontane kollektive Aktionen, die keine staatlichen i.S. von hoheitlichen Aufgaben wahrnehmen und nicht auf Gewinnerzielung ausgerichtet sind.
  1. Frühere Debatten, ob Zivilgesellschaft durch Attribute wie Zivilität gekennzeichnet sein oder als Gegensatz zu einer ‚Militärgesellschaft‘ verstanden werden muß, sind heute obsolet. Die internationale wissenschaftliche und politische Debatte ist sich weitgehend über eine Definition anhand formaler Merkmale einig.
  1. Der Begriff Zivilgesellschaft hat in den letzten Jahren Begriffe wie Dritter Sektor, Non-Profit-Sektor, gemeinnütziger Sektor u.a. als Sammelbezeichnung für Bewegungen und Organisationen mit sehr unterschiedlichen Traditionslinien, aber gemeinsamen Merkmalen abgelöst.
  1. Merkmale aller Ausdrucksformen von Zivilgesellschaft sind ein Mindestmaß an Konsistenz, Selbstermächtigung und Selbstorganisation, Freiwilligkeit sowie eine subjektive Gemeinwohlorientierung. Ob politische Parteien, Gewerkschaften und Kirchen zur Zivilgesellschaft gehören, ist umstritten.
  1. Die Akteure der Zivilgesellschaft können sich gegenüber der Gesellschaft unterstützend (loyal), opponierend (voice) oder sich absetzend (exit) verhalten. Sie üben in der Gesellschaft mehrere Funktionen aus:
  • Dienstleister (z.B. Rotes Kreuz)
  • Themenanwälte (z.B. Greenpeace)
  • Wächter (z.B. Verbraucherschutzverbände)
  • Selbsthilfe (z.B. Patientenselbsthilfen oder Sport)
  • Mittler (z.B. Förderstiftungen, Dachverbände)
  • Solidaritätsstiftung (z.B. Schützenvereine)
  • Politische Deliberation (z.B. Bürgerplattformen)
  • Persönliche Erfüllung
  1. Insgesamt gehören in Deutschland rund 800.000 formelle und informelle Organisationen zur Zivilgesellschaft, darunter in erster Linie Vereine, in zweiter Linie Stiftungen, daneben auch gemeinnützige Kapitalgesellschaften und (oft automatisch entstandene) Gesellschaften bürgerlichen Rechts. Die Zugehörigkeit ist nicht von einem vom Staat verliehenen Rechts- oder Steuerstatus (bspw. der Gemeinnützigkeit) abhängig.
  1. Zivilgesellschaft folgt einer eigenen Handlungslogik. Sie wird wesentlich durch das Attribut des Geschenks bestimmt. Geschenkt werden
  • Empathie,
  • Ideen,
  • Know-How,
  • Reputation,
  • materielle Ressourcen: Spenden, Stiftungen, auch Sachwerte,
  • Zeit: bürgerschaftliches Engagement – Ehrenamt. 80% des bürgerschaftlichen Engagements finden in der Zivilgesellschaft statt.
  1. Zivilgesellschaft ist eine lebendige Arena, in der eine Vielfalt von Positionen zu Fragestellungen, Lösungen und Verfahren zu finden ist. Akteure können von anderen oder von der Gesellschaft insgesamt Zustimmung oder auch scharfe Ablehnung erfahren. Einzelne Akteure werden als dunkle Seite der Zivilgesellschaft (dark side of civil society) beschrieben.
  1. Zivilgesellschaft hat stets eine politische Dimension. Sie ist in der offenen Gesellschaft ein Ort der deliberativen Demokratie (i.S. von Habermas). Ohne Zivilgesellschaft werden Menschen- und Bürgerrechte, die Herrschaft des Rechts (rule of law) und Demokratie nicht ausgebildet – nicht aber umgekehrt. Der unverzichtbare Mehrwert einer aktiven Zivilgesellschaft für die Gesellschaft insgesamt liegt vor allem in ihren kreativen Beiträgen zum sozialen Wandel, aber auch zum sozialen Frieden in Form von Gelegenheiten zum Engagement, Inklusion und Partizipation sowie in der Herausbildung von sozialem Kapital und Gemeinschaft.

Die vorstehende Erläuterung soll in knapper Form eine brauchbare Arbeitsdefinition der Zivilgesellschaft liefern. Sie verzichtet daher bewußt auf manche Feinheiten sowie auf Quellen.

Stand: April 2019

@twitter

Folgen Sie ZG Info:

RT @sjb_ev: Hier unsere Frage am zum heutigen #DemokratieDonnerstag: Wie alt ist die oder der jüngste Abgeordnete im Deutschen Bundestag? h…

RT @_mitarbeit: Demokratie-Initiativen aufgepasst! ☝️ Vom 22. bis 23. November 2019 findet in Bonn unter dem Motto »Demokratie stärken« ein…

Lei­tung des Bereichs Kom­mu­ni­ka­tion der Maece­nata Stif­tung in Ber­lin (m/w/d) gesucht:… https://t.co/a9cqipYKgx

RT @asoulforeurope: Mr. Rupert Graf Strachwitz refers in his article to @VerenaRingler|s call for the appointment of a #EuropeanCommissione

Motivierte Teamverstärkung gesucht: Eine studentische Hilfskraft (15h/Woche) für Transnational Giving und Stiftungs… https://t.co/fcaDRx3D05